Transdisziplinäre Realität – warum Systeme nicht in Fächern funktionieren

Transdisziplinäre Realität – Funktionsschutz statt Fachgrenzen

Die ökologische Realität ist transdisziplinär – unser Recht muss es werden

Moore, Flüsse, Wälder und Atmosphärenprozesse arbeiten nicht nach Ressorts. Sie greifen ineinander – immer. Wenn ein Moor Wasser verliert, ist das kein „Fachproblem“. Es ist ein Systemereignis. Genau dort, wo wir das Geschehen in Zuständigkeiten zerlegen, entsteht das Risiko der ökologischen Katastrophe: im Zwischenraum.

Was bei einem austrocknenden Moor wirklich passiert

  • Wasserhaushalt kippt: Speicher trocknet aus, Pufferleistung sinkt.
  • CO₂-Dynamik dreht: Senke wird zur Quelle – relevant für die Klimakatastrophe.
  • Arten verlieren ihre Bedingungen: nasse Lebensräume brechen weg, Verbundstrukturen reißen.
  • Grundwasser sinkt: umliegende Flächen geraten unter Druck, Nutzungskonflikte eskalieren.
  • Flüsse reagieren: mehr Abflussspitzen bei Starkregen, mehr Niedrigwasser im Sommer.

Die Mitwelt kennt hier keine fünf Themen. Sie kennt Funktionszusammenhänge. Und sie reagiert darauf, ob wir sie administrativ zerschneiden – oder systemisch lesen.

Murnau als Pilot: ein Ort, der das System sichtbar macht

Das Murnauer Moos ist kein exotischer Sonderfall. Es ist ein konzentriertes Modell dessen, was vielerorts gleichzeitig passiert:

  • Entwässerungsstrukturen und Wasserentnahmen
  • sinkender Grundwasserspiegel und Verlust der Speicherfähigkeit
  • CO₂-Freisetzung und thermische Veränderungen
  • Nutzungsdruck (Landwirtschaft, Verkehr, Planung)
  • Schutzgebietstitel, die Realität nicht automatisch stabilisieren
  • Zuständigkeitsgrenzen, die Wirkzusammenhänge zerschneiden

Gerade weil es „unspektakulär“ ist, ist es als Pilot geeignet: klein genug, um konkret zu prüfen – groß genug, um das Strukturproblem zu zeigen.

Warum unsere Begriffe oft nicht mehr tragen

Wir arbeiten mit Kategorien wie „Schutzgebiet“, „Oberlauf“ oder „Zuständigkeit“. Das sind nützliche Werkzeuge – bis sie die Funktionsdynamik nicht mehr abbilden.

Beim Oberlauf der Loisach kollidieren verschiedene Lesarten:

  • geografisch: der Oberlauf endet dort, wo der sichtbare Fluss beginnt
  • kartografisch: der Oberlauf folgt Zuschnitten von Schutzgebieten und Plänen
  • verwaltungslogisch: der Oberlauf liegt dort, wo Zuständigkeiten greifen
  • hydrologisch: der Oberlauf ist dort, wo die Abflussbildung entsteht

Für eine präventive Funktionsprüfung ist die hydrologische Perspektive die entscheidende. Wenn die Abflussbildung im Murnauer Moos stattfindet, entscheidet sich dort, ob die Loisach Speicher hat – oder ob sie im Sommer austrocknet und bei Starkregen Täler belastet. Alles andere ist Kartenlogik.

Funktionsschutz heißt Integritätsschutz – nicht Symbolik

Funktionsschutz meint hier nicht: „Wir schützen Funktionen, weil das praktisch ist.“ Gemeint ist: Wir schützen die ökologische Integrität der Mitwelt, und Funktionen sind der messbare Ausdruck dieser Integrität.

Geschützt wird, was Leben trägt:

  • Wasserhaushalt und Speicherfähigkeit
  • Resilienz von Mooren, Wäldern und Gewässern
  • CO₂-Speicherung und Temperaturpuffer
  • Verbund und Regeneration von Lebensräumen
  • kumulative Wirkungen statt Einzelmaßnahmen-Logik

Art. 20a GG als Funktionsnorm: präventive Funktionsprüfung

Art. 20a GG wird oft wie eine schöne Überschrift behandelt. Systemische Rechtsentwicklung liest ihn als Arbeitsauftrag: Funktionsfähigkeit erhalten und wiederherstellen – vorausschauend, überprüfbar, dokumentiert.

Daraus folgt eine praktische Konsequenz für den Verwaltungsvollzug: Nicht warten, bis Schäden irreversibel sind. Vorher prüfen, wo Funktionsrisiken entstehen.

Wie das praktisch aussehen kann (minimal, aber wirksam):

  • 1) Funktionsraum definieren: Moor–Grundwasser–Fluss als System; wo entsteht Abfluss, wo wird gespeichert?
  • 2) Kumulative Treiber erfassen: Entnahmen, Entwässerung, Bauvorhaben, Nutzungsdruck, Klimatrend – zusammen, nicht einzeln.
  • 3) Prüfpfad + Monitoring festlegen: Indikatoren (Wasserstand, Abfluss, Vegetation, CO₂), Schwellen, Zuständigkeiten für Reaktion.

Konsequenzen für eine lernende Rechtskultur

Wenn die ökologische Realität transdisziplinär arbeitet, muss das Recht im Vollzug drei Bewegungen schaffen:

  • Vom Fach zum System: Wasser, Klima, Biodiversität und Nutzung zusammen denken – nicht getrennt abarbeiten.
  • Von Zuständigkeit zu Verantwortung: nicht „wer darf“, sondern „wer erkennt Funktionsrisiken und handelt“.
  • Von Reaktion zu Vorsorge: präventive Funktionsprüfung als Kernaufgabe eines Staates, der seine Mitwelt ernst nimmt.

Und klar: Rechte der Natur sind kein Klageinstrument. Sie sind ein Orientierungswechsel im Denken des Rechts – weg von der nachträglichen Streitlogik, hin zu Vorsorge und Funktionsverantwortung.

Lizenzhinweis (deutsch):
Dieser Beitrag einschließlich des begleitenden KI-generierten Bildes steht unter der Lizenz Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell 4.0 International (CC BY-NC 4.0).

Du darfst den Text und das Bild vervielfältigen, verbreiten und bearbeiten – nicht kommerziell – unter der Bedingung, dass folgende Urheberangabe gemacht wird:

Struktur und Teile der Formulierung dieses Textes wurden mithilfe von KI (GPT, OpenAI) entwickelt.
Inhaltliche Verantwortung: Hans Leo Bader. (CC BY-NC 4.0)

Bild (sofern enthalten): In Kooperation mit KI-generiert mit DALL·E (OpenAI) – Lizenz: CC BY-NC 4.0